Wissenschaft und Ressourcen
Auf dieser Seite fasse ich den aktuellen Stand der Forschung zu neuroplastischen (oder „noziplastischen“) Schmerzen und Symptomen, Pain Reprocessing Therapy (PRT) und verwandten Mind-Body-Ansätzen zusammen. Melde dich für meinen Newsletter an, um über neue Erkenntnisse informiert zu werden.
Am Ende der Seite findest du eine Liste mit Büchern, Podcasts und weiteren Ressourcen, um mehr zu erfahren.
Die Wissenschaft
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Schmerzen können ohne Gewebeschädigung auftreten.
Im Jahr 2020 überarbeitete die International Association for the Study of Pain (IASP) ihre Schmerzdefinition. Sie erkennt nun an, dass Schmerz ohne Gewebeschädigung auftreten kann und von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusst wird.
Raja SN et al. (2020). The revised International Association for the Study of Pain definition of pain: concepts, challenges, and compromises. Pain 161(9): 1976–1982.
Zur Studie: Schmerzen können ohne Gewebeschädigung auftreten. (öffnet in einem neuen Tab)Strukturelle Befunde verursachen nicht zwangsläufig Schmerzen.
Eine systematische Übersichtsarbeit über 33 Studien mit insgesamt 3.110 Personen ohne Rückenschmerzen fand in der Bildgebung der Wirbelsäule bei 37 % der 20-Jährigen und bei 96 % der 80-Jährigen eine Bandscheibendegeneration sowie bei 30 % bzw. 84 % eine Bandscheibenvorwölbung. Das Forschungsteam kommt zu dem Schluss: „Viele bildgebend erfasste degenerative Merkmale sind wahrscheinlich Teil des normalen Alterns und stehen nicht mit Schmerzen in Zusammenhang.“
Brinjikji W et al. (2015). Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. American Journal of Neuroradiology 36(4): 811–816.
Zur Studie: Strukturelle Befunde verursachen nicht zwangsläufig Schmerzen. (öffnet in einem neuen Tab)Das Gehirn verändert sich, wenn Schmerzen chronisch werden.
In einer Studie wurden 40 Personen mit neu aufgetretenen Rückenschmerzen über ein Jahr hinweg wiederholt im MRT untersucht. Die Stärke der Kommunikation zwischen dem medialen präfrontalen Kortex und dem Nucleus accumbens (Hirnregionen, die an Emotion und Motivation beteiligt sind) sagte mit 85-prozentiger Genauigkeit voraus, wer chronische Schmerzen entwickeln würde.
Baliki MN et al. (2012). Corticostriatal functional connectivity predicts transition to chronic back pain. Nature Neuroscience 15(8): 1117–1119.
Zur Studie: Das Gehirn verändert sich, wenn Schmerzen chronisch werden. (öffnet in einem neuen Tab)Chronische Schmerzen stehen mit emotionalen Schaltkreisen im Gehirn in Verbindung.
Die Studie zeigte, dass sich die Repräsentation des Schmerzes im Gehirn mit der Chronifizierung von Regionen, die mit akutem Schmerz assoziiert sind, hin zu emotionalen Schaltkreisen verlagerte.
Hashmi JA et al. (2013). Shape shifting pain: chronification of back pain shifts brain representation from nociceptive to emotional circuits. Brain 136(9): 2751–2768.
Zur Studie: Chronische Schmerzen stehen mit emotionalen Schaltkreisen im Gehirn in Verbindung. (öffnet in einem neuen Tab)Noziplastischer Schmerz erfordert einen anderen Behandlungsansatz.
Noziplastischer Schmerz (bei dem der Schmerz ausgedehnter und/oder intensiver ist, als es das Ausmaß der feststellbaren Gewebe- oder Nervenschädigung erwarten ließe) geht mit weiteren vom zentralen Nervensystem ausgehenden Symptomen wie Fatigue sowie Schlaf-, Gedächtnis- und Stimmungsproblemen einher und gilt als zentraler Mechanismus bei Erkrankungen wie Fibromyalgie und Reizdarmsyndrom. Diese Art von Schmerz spricht schlechter auf Therapien wie entzündungshemmende Medikamente und Opioide, Operationen oder Injektionen an, weshalb ein anderer Ansatz erforderlich ist.
Fitzcharles M-A et al. (2021). Nociplastic pain: towards an understanding of prevalent pain conditions. The Lancet 397(10289): 2098–2110.
Zur Studie: Noziplastischer Schmerz erfordert einen anderen Behandlungsansatz. (öffnet in einem neuen Tab)Bei Fibromyalgie verstärkt das Gehirn Schmerzen.
Eine Studie mit funktioneller Magnetresonanztomographie an 16 Personen mit und 16 Personen ohne Fibromyalgie ergab, dass leichter Druck bei den Betroffenen Schmerzen und Aktivität in schmerzverarbeitenden Hirnregionen auslöste, in der Vergleichsgruppe jedoch nicht. Menschen ohne Fibromyalgie benötigten stärkeren Druck, um dasselbe Schmerzniveau zu empfinden.
Gracely RH et al. (2002). Functional magnetic resonance imaging evidence of augmented pain processing in fibromyalgia. Arthritis & Rheumatism 46(5): 1333–1343.
Zur Studie: Bei Fibromyalgie verstärkt das Gehirn Schmerzen. (öffnet in einem neuen Tab)Erhöhte sensorische Empfindlichkeit sagt Beckenschmerzen voraus.
In einer Studie wurde bei 200 Frauen im gebärfähigen Alter die Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen, Druck, Temperatur und Blasenfüllung gemessen; anschließend wurden ihre Beckenschmerzen vier Jahre lang verfolgt. Eine über diese Sinnesbereiche hinweg erhöhte Empfindlichkeit erwies sich im Zeitverlauf als zunehmend starker Prädiktor für Beckenschmerzen.
Kmiecik MJ et al. (2023). Multimodal hypersensitivity derived from quantitative sensory testing predicts pelvic pain outcome: an observational cohort study. Pain 164(9): 2070–2083.
Zur Studie: Erhöhte sensorische Empfindlichkeit sagt Beckenschmerzen voraus. (öffnet in einem neuen Tab)Lichtempfindlichkeit sagt voraus, wem eine Operation keine Schmerzlinderung bringt.
Eine Studie mit 243 Personen ergab, dass Menschen mit chronischen Schmerzerkrankungen blinkende Lichter als signifikant heller einstuften als Menschen ohne Schmerzen. Von den 68 Personen, die sich wegen ihrer Schmerzen operieren ließen (Hüftgelenkersatz oder Hysterektomie), hatten diejenigen, die die Lichter vor der Operation als heller eingestuft hatten, sechs Monate später seltener eine Halbierung ihrer Schmerzen erreicht.
Waller N et al. (2025). Visual hypersensitivity as a transdiagnostic marker of surgical pain response in arthritis and chronic pain syndromes. Arthritis & Rheumatology (online ahead of print).
Zur Studie: Lichtempfindlichkeit sagt voraus, wem eine Operation keine Schmerzlinderung bringt. (öffnet in einem neuen Tab)Pain Reprocessing Therapy (PRT) kann Menschen mit chronischen Rückenschmerzen eine deutliche und anhaltende Schmerzlinderung verschaffen.
In der Boulder-Back-Pain-Studie wurden 151 Erwachsene mit chronischen Rückenschmerzen nach dem Zufallsprinzip einer PRT-, einer Placebo- oder einer Standardversorgungsgruppe zugeteilt. Nach der Behandlung waren 66 % der PRT-Gruppe schmerzfrei oder nahezu schmerzfrei, verglichen mit 20 % der Placebogruppe und 10 % der Standardversorgungsgruppe. Die Unterschiede blieben auch nach einem Jahr weitgehend bestehen.
Ashar YK et al. (2022). Effect of Pain Reprocessing Therapy vs placebo and usual care for patients with chronic back pain: a randomized clinical trial. JAMA Psychiatry 79(1): 13–23.
Zur Studie: Pain Reprocessing Therapy (PRT) kann Menschen mit chronischen Rückenschmerzen eine deutliche und anhaltende Schmerzlinderung verschaffen. (öffnet in einem neuen Tab)Veränderte Überzeugungen über Schmerz sagen eine Schmerzreduktion voraus.
Eine Auswertung der Boulder-Back-Pain-Studie ergab, dass sich vor der Behandlung nur 10 % der von den Teilnehmenden genannten Ursachen für ihre Schmerzen auf Psyche oder Gehirn bezogen. Nach der PRT waren es 51 %, in den Vergleichsgruppen dagegen 8 %. Je stärker die Teilnehmenden ihre Schmerzen als Produkt von Prozessen in Psyche und Gehirn verstanden, desto stärker gingen ihre Schmerzen zurück.
Ashar YK et al. (2023). Reattribution to mind-brain processes and recovery from chronic back pain: a secondary analysis of a randomized clinical trial. JAMA Network Open 6(9): e2333846.
Zur Studie: Veränderte Überzeugungen über Schmerz sagen eine Schmerzreduktion voraus. (öffnet in einem neuen Tab)Die Wirkung der PRT hält länger an als die von Placebo oder Standardversorgung.
Eine Fünfjahres-Nachuntersuchung der Boulder-Back-Pain-Studie ergab, dass die Schmerzen in der PRT-Gruppe weiterhin geringer waren als in den Vergleichsgruppen, wenn auch mit kleinerem Unterschied als unmittelbar nach der Behandlung. Teilnehmende, die PRT erhalten hatten, hatten zudem weniger Angst vor Bewegung und führten ihre Schmerzen eher auf Prozesse in Psyche und Gehirn zurück.
Ashar YK et al. (2025). Pain Reprocessing Therapy vs placebo and usual care for patients with chronic back pain: 5-year follow-up of a randomized clinical trial. JAMA Psychiatry 82(10): 1049–1051.
Zur Studie: Die Wirkung der PRT hält länger an als die von Placebo oder Standardversorgung. (öffnet in einem neuen Tab)PRT zeigt vielversprechende vorläufige Ergebnisse bei Fibromyalgie.
Insgesamt 35 Erwachsene mit Fibromyalgie erhielten drei Sitzungen einer Kurzform der PRT per Video. Schmerzintensität, schmerzbedingte Beeinträchtigung und schmerzbezogene Angst nahmen über drei Monate ab, und 42 % derjenigen, die die Studie abschlossen, schätzten ihren Zustand als stark oder sehr stark verbessert ein. Da es keine Kontrollgruppe gab, sind diese Ergebnisse vorläufig.
Sturgeon J et al. (2025). Brief pain reprocessing therapy for fibromyalgia: a feasibility, acceptability, and preliminary efficacy pilot. Regional Anesthesia & Pain Medicine (online ahead of print).
Zur Studie: PRT zeigt vielversprechende vorläufige Ergebnisse bei Fibromyalgie. (öffnet in einem neuen Tab)PRT bei Migräne: eine Fallserie.
Drei Menschen mit chronischer Migräne, die auf übliche vorbeugende und akute Behandlungen nur unzureichend angesprochen hatten und zusätzlich an weiteren Schmerzerkrankungen litten, wurden mit PRT behandelt. Ihre Kopfschmerz- bzw. Migränetage gingen von 18–25 auf 3, von 30 auf 5 und von 30 auf 3–4 pro Monat zurück, und sie berichteten über Verbesserungen bei ihren anderen Schmerzerkrankungen. Angesichts von nur drei Behandelten und fehlender Vergleichsgruppe fordert das Forschungsteam kontrollierte Studien.
Fishbein JN et al. (2025). Pain Reprocessing Therapy for migraine: a case series. Headache 65(9): 1660–1665.
Zur Studie: PRT bei Migräne: eine Fallserie. (öffnet in einem neuen Tab)
Ressourcen
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Alan Gordon & Alon Ziv, Wege aus dem Schmerz: Der bahnbrechende, wissenschaftlich bewährte Ansatz zur Heilung chronischer Schmerzen (2023)
Das Standardwerk zur Pain Reprocessing Therapy, geschrieben von ihrem Entwickler Alan Gordon.
Howard Schubiner, Unlearn Your Pain: The Science of Recovering from Chronic Pain, Fatigue, Anxiety, and Depression (2026)
Schubiner ist Arzt, Clinical Professor und Mitentwickler der Emotional Awareness and Expression Therapy (EAET). Das Buch bietet eine fundierte Einführung in die wissenschaftlichen Grundlagen und in wirksame Behandlungsansätze. Auf Englisch.
John E. Sarno, Befreit von Rückenschmerzen: Die Körper-Seele-Verbindung realisieren (1996)
Vom Begründer der Mind-Body-Medizin.
Nicole Sachs, Mind Your Body: A Revolutionary Program to Release Chronic Pain and Anxiety (2025)
Über emotionalen Ausdruck und chronische Schmerzen. Auf Englisch.
Tell Me About Your Pain
Eine Reihe mit 15 Folgen, in der Alan Gordon und Alon Ziv auf Menschen mit chronischen Schmerzen eingehen und PRT-Techniken wie Somatic Tracking demonstrieren. Auf Englisch.
Pain Reprocessing Therapy Podcast
Vom Pain Reprocessing Therapy Center: Live-Therapiesitzungen und Gespräche mit Fachleuten aus der PRT-Praxis und -Forschung. Auf Englisch.
Like Mind, Like Body
Der Podcast von Curable: Interviews mit Fachleuten aus Forschung und Klinik sowie mit Menschen, die sich von chronischen Symptomen erholt haben. Auf Englisch.
Muss das so wehtun?
Ein deutschsprachiger Podcast über Mind-Body-Ansätze bei chronischen Schmerzen und Symptomen.
All the Rage (2016)
Dokumentarfilm über die Arbeit von John Sarno. Regie: Michael Galinsky, Suki Hawley und David Beilinson. Auf Englisch.
This Might Hurt
Dokumentarfilm (Regie: Marion Cunningham und Kent Bassett), der drei Menschen durch ein Mind-Body-Schmerzprogramm unter der Leitung von Howard Schubiner begleitet. Auf Englisch.
Pain Reprocessing Therapy Center
Informationen zur PRT und ein Verzeichnis ausgebildeter Fachleute. Auf Englisch.
Association for the Treatment of Neuroplastic Symptoms (ATNS)
Informationsangebote und ein Verzeichnis von Fachleuten für Mind-Body-Ansätze. Auf Englisch.
TMS Wiki
Von der Community betriebene Website mit kostenlosen Lernprogrammen und Genesungsgeschichten. Auf Englisch.
Curable
App zum selbstständigen Üben auf Grundlage der Schmerzforschung und von Brain-Retraining-Techniken (Abo erforderlich). Auf Englisch.
„The mindbody revolution: how the division between mental and physical illness fails us all“ (The Guardian, 2025)
Der Artikel argumentiert, dass die Trennung zwischen psychischen und körperlichen Erkrankungen in der westlichen Medizin wissenschaftlich nicht haltbar ist und Betroffenen schadet – insbesondere Menschen mit funktioneller neurologischer Störung oder chronischen Schmerzen. Auf Englisch.
„Pain Reprocessing Therapy: Achtsamer Umgang mit Schmerzen“ (Deutschlandfunk Nova, 2026)
Main Huong Nguyen gibt einen Überblick über die aktuelle Studienlage.
Mind-Body Ressourcen
Eine deutschsprachige Ressourcensammlung, um Betroffene und Fachkräfte zu unterstützen.